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1 Apr 2021 - 12:30

Warum haben wir Angst davor, leidende Menschen aus ihrer Lage zu befreien

Ein Appell von Sabine Sommerhuber
Kinder mit Stacheldraht in Kara Tepe

Warum haben wir vor dem Elend im Flüchtlingslager Kara Tepe solche Angst?
Angst davor, die dort leidenden Menschen aus ihrer lebensgefährlichen Lage zu befreien?

Mehr als 8000 Frauen, Männer und Kinder werden aus politischem Kalkül jeglicher Menschenwürde beraubt: verdorbenes Essen, kaum Möglichkeit zur Körperhygiene, kein Schutz vor Nässe und Kälte, kaum ärztliche Versorgung.

Die Scham der Menschen über das Resultat dieser mangelnden bis fehlenden Körper – und Kleidungspflege ist unsäglich.
Und das alles um, wie einige Politiker meinen, zu möglichst abschreckenden, grausamen Bildern zu gelangen, damit weitere Schutzsuchende einen „Umweg“ um Europa machen?

Sollen wir mit ihrem Schicksal und ihrer Bedürftigkeit nicht weiter „belästigt“ werden“?

Und darum werden diese 8000 Frauen, Männer, Kinder und Babys als Geiseln gehalten? Für wie lange? Monate? Jahre? Bis alle gestorben sind?

Ich bin seit Wochen auf der Insel, um Spenden zu sortieren,
auch für Flüchtlinge, die bereits Asyl erhalten haben und um Wohnungen und Verdienstmöglichkeiten für sie zu finden.
Aber es gibt kaum Arbeit, auch nicht für Griechen. Andere Länder weigern sich diese Menschen aufzunehmen. So bleibt für die meisten nur das geschlossene Lager Kara Tepe als Aufenthaltsort, ein Leben auf der Straße ist verboten.

Ich arbeite dreimal die Woche im Mental Healthservice, zusammen mit dem afghanischen Arzt Dr. Sadar (selbst Flüchtling) biete ich Elterncoaching an.

Die Traumatisierung der Kinder ist hoch: Bettnässen, Alpträume, Dissoziationen, schwere Magenprobleme mit täglichem Erbrechen... bereiten den Eltern große Sorgen. Sie fühlen sich hilflos, da die Situation im Camp wenig Möglichkeit zur Veränderung zulässt.

In den letzten zwei Monaten sind vier Kinder im Meer ertrunken. Deshalb binden sich die Eltern in der Nacht an ihre Kinder.

Als Psychotherapeutin habe ich gelernt, dass es ohne Hoffnung kein Überleben gibt. Viele Kinder haben jedoch aufgegeben und möchten nicht mehr leben. Das einzige was ich ihnen sagen kann ist dies: Ich bin auch hier um Zeugnis abzugeben, was hier passiert. Und ich bin nicht die einzige. Viele Menschen in Europa tun dasselbe.

Ich werde auch in Österreich weiter arbeiten, Projekte weiter vorantreiben und von hier berichten. Bevor ich auf Lesbos kam hörte ich Berichte, sah Fotos und Videos... aber es ist noch etwas anderes, hier vor Ort, das alles mitzuerleben...

Es herrscht weiterhin Kälte, Regen und die Zelte werden regelmäßig überflutet. Es gibt zu wenige Toiletten, kaum Duschen und keine Möglichkeit sich zu wärmen. Somit bleibt die Kleidung und das Bettzeug feucht. Das Lager darf nur einmal pro Woche für vier Stunden verlassen werde. Viele Eltern kommen in dieser Zeit mit ihren Kindern zu uns ins Zentrum.

Es ist nicht hinzunehmen, dass Kinder permanent traumatisiert werden. Niemand darf in Geiselhaft genommen werden um eine Politik der Abschreckung durchzusetzen. Hier kommen großteils Menschen an, die Furchtbares in ihrem Leben hinnehmen mussten. Die in ihrer Heimat und den Fluchtländern völlige Rechtlosigkeit erlebten und hier auf Lesbos wieder erleben müssen. Hier in einem geschlossenen Lager in der EU.

In manchen Nächten träumt mein inneres Kind. Es sieht Lager, von denen ihm in der Schule erzählt wurde. Von denen angeblich keiner Bescheid wusste, Bescheid wissen wollte. Diese Lager waren abgelegen, wurden vom Regime versteckt. Millionen Menschen wurden dorthin transportiert, dort gefangen gehalten. Sie starben an den katastrophalen Lebensbedingungen oder wurden seriell ermordet. Ein kleines Buch, geschrieben von einem  Mädchen, das im Lager starb, erzählt von den Schrecken. Es wird heute noch in den Schulen gelesen, auch damit so etwas nie wieder geschehe.

Dann erwache ich – und sehe: Es geschieht beinahe wieder. Oder doch nicht ?

Wer bringt diese Regierung zur Einsicht?

Wer stellt sich dagegen, wer empört sich darüber, dass dies unter den Augen der europäischen Gemeinschaft geschieht?

Lesbos